Autor und Psychologe Gerald Mackenthun
Autor und Psychologe Gerald Mackenthun

Woran erkennt man eine paranoide Person?

Sehr viele Menschen in Deutschland glauben, dass Gustl Mollath nicht paranoid bzw. wahnkrank ist. Der Nachweis und die Diagnose dafür sind jedoch nicht einfach. Es ist erstaunlich, mit welcher Naivität Laien annehmen, ein Urteil abgeben zu können.

 

Es gibt unterschiedliche Schweregrade in den Symptomen gibt, von der milden Form einer paranoiden Neigung oder Persönlichkeitsakzentuierung bis zu schweren psychotischen Ausprägungen.

 

Die neurotische paranoide Persönlichkeit ist durch übertriebene Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung, durch Kränkbarkeit, Misstrauen, durch Überkorrektheit (Erbsenzählerei) sowie durch eine Neigung, Erlebtes zu verdrehen, gekennzeichnet. Sie neigt dazu, neutrale oder freundliche Handlungen anderer als feindlich oder verächtlich misszudeuten. Häufig findet man auch wiederkehrende unberechtigte Verdächtigungen hinsichtlich der sexuellen Treue des Ehegatten oder Sexualpartners und streitsüchtiges Bestehen auf eigenen Rechten. Betroffene neigen zu überhöhtem Selbstwertgefühl und übertriebener Selbstbezogenheit. Fanatismus und Querulantentum können ebenfalls vorkommen (Quelle: International Classification of Deseases, 10. Auflage). 

 

Psychiatrisch wird zudem unterschieden zwischen einem "ausgestanzten" Wahn, der sich auf ein begrenztes Thema bezieht, während die Person ansonsten unauffällig lebt, und aufeinander bezogene Wahninhalte, eben ein Wahnsystem. Dieses ist undurchschaubar verwoben mit vorgebrachten Tatsachen, die tatsächlich stimmen. Mancher Wahn hat einen wahren Kern. Gerade die Mischung aus einigen stimmigen Tatsachen mit wahnhaft ausgedachten „Beweisen“ ist charakteristisch.

 

Die gravierendste Form, die paranoide Schizophrenie, ist gekennzeichnet durch langanhaltende Wahnvorstellungen, meist begleitet von akustischen Halluzinationen (Stimmenhören), Wahrnehmungsstörungen, Störungen der Stimmung, des Antriebs und der Sprache. Paranoia kann eine eigenständige Pathologie oder auch Symptom anderer Krankheiten sein (z. B. Bipolare Störung, Altersdemenz oder organische Hirnschäden, Delirium tremens).

 

Bemerkenswerterweise bleiben die kognitiven Fähigkeiten der paranoiden Person erhalten, mit Ausnahme der verzerrten Wirklichkeitswahrnehmung in Bezug auf den Wahninhalt. Es bleiben kognitive Fähigkeiten wie Klarheit und Ordnung im Denken, Wollen und Handeln vollkommen oder weitgehend erhalten. Wahn ist gekennzeichnet dadurch, dass der Patient durch nichts von ihnen abzubringen ist, rationale Argumente und Überzeugungsversuche von Außenstehenden haben keinen Erfolg und verstärken eher noch das Misstrauen. Er zieht sich zurück, will mit niemandem sprechen und verweigert eine medizinisch-psychologische Therapie. Es besteht die konkrete Gefahr der sozialen Isolation und des sozialen Absturzes. Von Mollath ist bekannt, dass er alles verlor.

 

Das Objekt des Verfolgungswahns ist von Fall zu Fall sehr verschieden. Manchmal wird beispielsweise der Geheimdienst des jeweiligen Landes hinter der Verfolgung vermutet. Das Denken passt sich dabei dem jeweiligen historischen Stand an; aus der Stasi wird der BND oder die NSA bzw. BND/Regierung wird mit der Stasi, dem Stalinismus oder dem Nazi-Regime gleichgesetzt.

 

Max Wertheimer, der Begründer der Gestalttheorie, hat mit dem deutschen Psychiater Heinrich Schulte ein sozialpsychologisches Modell zum Verständnis der Paranoia vorgeschlagen: Demzufolge wäre die Paranoia als Sonderform des Beziehungswahns zu verstehen – ein Mensch, dem es nicht gelingt, Teil eines Wir zu sein, und der diese Kluft zwischen sich und den anderen nicht ertragen kann, schlägt eine Brücke zu den anderen, indem er sich mit ihnen zumindest in einem „Ersatz-Wir“ von Verfolgern und Verfolgtem verbunden sieht. Dementsprechend wird die Chance auf Heilung auch primär in der Wiederherstellung guter sozialer Beziehungen gesehen, was die Person aber meist vehement verweigert.

Die Arbeit von Psychiatern

Die Gutachten von Psychiatern beruhen auf vielen Quellen: Gespräche, Interviews, Beobachtungen, Zeugen und schriftliche Äußerungen. Aus dem Puzzle ergibt sich ein Gesamtbild. Der Fachmann erkennt einen Wahn, während sich Laien leicht täuschen lassen. Zu beachten ist, dass der psychiatrische Gutachter nur eine Diagnose und eine Prognose über etwaige zukünftige Gefährlichkeit abgiebt. Über die Unterbringung im Maßregelvollzug entscheiden die Gerichte und nicht Psychiater. Laut Gesetz ist eine Unterbringung im Maßregelvollzug dann notwendig, wenn die Gefahr besteht, dass ein Mensch Taten begeht, die "für die Allgemeinheit gefährlich" sind. Offenbar liegen Anhaltspunkte dafür vor, dass er weiter gefährlich ist, jedenfalls scheint die Strafvollstreckungskammer das bisher jedes Jahr so zu sehenDie Auslegung im Einzelfall ist Ermessenssache des Gerichts. So auch im Fall Mollath. Es geht also nicht darum, ob Mollath lediglich "anders tickt" als der Normalbürger, sondern ob von ihm eine konkrete Gefährdung ausgeht. Wenn ein Delinquent nicht kooperiert, so müssen das die Psychiater akzeptieren. Aber es gibt genügend andere Quellen, die ausgewertet werden können und müssen.

 

Lesehinweis: Der Psychiater Henning Saß über die Arbeit der Psychiatrie, über die Begutachtung von psychisch auffälligen Straftätern und - am Rande - über den Fall Mollath (Zeit, 17.06.2013). Von den 134 Leserkommentare zum Interview (Stand 14.07.2013) gibt es allenfalls ein halbes Dutzend, die die Ausführungen Sassens ernst nehmen. Im Wesentlichen werden nur die alten unlogischen Pseudoargumente runtergeleiert. Die Mollathbruderschaft scheint in Gänze unfähig zu lernen. Die Zeit-Redaktion sah sich gezwungen, mehrere Kommentare wegen Unsachlichkeit zurückzuweisen.

Ist Mollath paranoid?

Um diese Frage zu beantworten, können die oben geschilderten Symptome mit dem konkreten Fall verglichen werden.

 

Mollath fühlt sich von vielen Menschen falsch behandelt, angefangen von seiner Frau bis hin zu Staatsanwälten und Psychiatern. Den sachlichen Gehalt ihrer Ausführungen kann er nicht erkennen. Er hat viele Menschen in der Umgebung seiner Frau fälschlich beschuldigt, an einem Komplott gegen seine Person beteiligt zu sein. Er besteht streitsüchtig auf seiner Version und auf seinen Rechten. Er tendiert zu Fanatismus und Querulantentum. Sein eigenes Können überschätzt er gewaltig. Seine Autoreparaturwerkstatt war eine kleine Schrauberwerkstatt, die jahrlang durch erhebliche Zuwendungen seiner Frau am Leben erhalten werden musste. Als Geschäftsmann war er ein Versager, als Mensch mag er vielen vielleicht angenehm erscheinen. Mollath verhält sich in der Öffentlichkeit unauffällig, er redet differenziert und scheinbar schlüssig. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass er gesund ist. Ein Beweis ist es nicht.

 

Es scheint sich bei seiner Paranoia um eine eigenständige Krankheit zu handeln, die nicht auf einer körperlichen Schädigung beruht (Demenz etc.). Seine kognitiven Fähigkeiten blieben erhalten, was viele Mitglieder des bayerischen Untersuchungsausschusses sowie Journalisten dazu verleitete anzunehmen, er sei gesund. Die Psychiater bescheinigten ihm in der Vergangenheit jedoch immer wieder, dass er von seinem Wahn nicht abrücken könne, sich der Behandlung verweigere und in der Anstalt ein isoliertes Leben führe. 

Die Mollath-Gemeinde und der Wahn

Mollaths intakte kognitive Fähigkeiten werden von seiner Gefolgschaft fälschlicherweise als Beleg für seine Gesundheit interpretiert. Die Unterstützergruppe verfolgt fanatisch und querulatorisch die These, dass es eine Verschwörung und ein Komplott gegen Mollath gebe. Sie garnieren diese Haltung mit Beleidigungen und Drohungen gegen alle, die nicht ihrer Meinung sind. Ihnen fehlen oftmals grundlegende menschliche Fähigkeiten wie beispielsweise die zum Pespektivwechsel, Unterscheidungsvermögen, Impulskontrolle, Höflichkeit und Mäßigung. Rationale Argumente prallen an ihnen ab. Auch sie fühlen sich oftmals verfolgt und sehen keinen Unterschied im Politik- und Rechtssystem der Bundesrepublik mit dem von China, der DDR, dem Nazi-Regime oder der Sowjetunion. Durch eine Flut von Kommentaren versuchen sie im Internet, ein Pseudo-Wir zu schaffen, das ihnen Schutz vor vermeintlichen Verfolgern sichert. In vielen der genannten Punkten treffen sie sich mit Mollath.

 

Viele Mollath-Unterstützer drücken mit ihren Reaktionen indirekt eine tiefsitzende Angst aus, selbst in die Mühlen der Psychiatrie zu geraten. Weil sie eventuell spüren, dass sie selbst nicht ganz richtig ticken, möchten sie die Psychiatrie am liebsten als Ganzes abschaffen, und Psychiater, Justiz und das Justiznministerium am besten gleich mit. "Psychische Krankheiten gehen an den Kern eines Menschen und berühren dessen Persönlichkeit", sagt der emeritierte Psychiatrieprofessor Henning Sass in einem Zeit-Interview. "Deshalb wollen viele es nicht akzeptieren, dass sie psychisch krank sind."

 

Hinzu komme die historischen Erfahrungen, so Sass weiter. "Im Dritten Reich gab es Missbrauch der Psychiatrie, da wurden psychisch Kranke und solche, die dazu erklärt wurden, weggesperrt, sterilisiert oder getötet. Heute gibt es in Deutschland außerordentlich strenge gesetzliche Regelungen und eben den Richtervorbehalt für alle freiheitseinschränkenden Maßnahmen."

 

Es handelt sich um ein Zeitgeistphänomen, welches sich vor allem in den USA, aber teilweise auch bei uns amalgamiert mit Verschwörungsideologien, Medien-Hypes, Destruktionslust, gewalttätigen Straf- und Schädigungsphantasien, Entwertungstendenz und starkem Misstrauen.  Böse oder aggressiv sein zu können, das ist leider eine sehr verbreitete menschliche Fähigkeit.

Priv.-Doz. Dr. Gerald Mackenthun

Dipl.-Politologe

Dipl.-Psychologe

Dr.phil.

Privat-Dozent für Klinische Psychologie

 

Email gerald.mackenthun@gmail.com

 

Büro 030/8103 5899

0171/ 624 7155

 

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NEU: Strahlenschutz kostet mehr Todesopfer als Strahlung selbst.

Das geht aus weiteren internationalen Untersuchungen zu Fukushima hervor.
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© Gerald Mackenthun, Berlin, Februar 2011

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