Autor und Psychologe Gerald Mackenthun
Autor und Psychologe Gerald Mackenthun

Gerald Mackenthun

Die Entstehungsgeschichte der 'Analytischen Sozialpsychologie' Erich Fromms 1928-1938. Eine Einführung

128 S., Haag & Herchen (1991), 10,20 Euro, ISBN-13: 978-3892286332

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Buchauszug:

 

EINLEITUNG

 

Im Jahre 1941 erschien Erich Fromms Buch Die Furcht vor der Freiheit, das seinen Autor in den USA schlagartig berühmt machte. Er verband darin auf eine neuartige Weise soziologische und psychoanalytische Analysen, die eine Antwort auf die damals hochaktuelle Frage nach der Faschismusanfälligkeit ganzer Völker fand. Eine enorme Breitenwirkung auf eine ökologische und alternative Bewegung hatte auch Fromms Alterswerk Haben oder Sein (1976), in welchem er, unter dem Eindruck einer zunehmenden Technisierung und Industrialisierung, die zwei grundlegenden charakterlichen Haltungen des "Habens" und des "Seins" darlegte. Weitaus den größten Anklang fand Fromms Büchlein Die Kunst des Liebens (1956), das in etwa 25 Übersetzungen vorliegt und allein im deutschen Sprachraum eine Millionenauflage erreichte. In den 70er Jahre war es fast zu einem Kultbuch der jungen Aussteiger- und Alternativ-Bewegung geworden.

Trotz dieser relativ breiten Popularität sind große und wichtige Teile seines Gesamtwerkes relativ unbekannt. Fromms Biograph und Assistent in den 70er Jahren, der Theologe Rainer Funk, schreibt: "Die größte Bedeutung hat Fromm zweifellos als Erfinder einer eigenständigen analytischen Sozialpsychologie, auch wenn diese 'Erfindung' aus den dreißiger Jahren bis heute kaum rezipiert wurde." (Funk 1983, S. 70).

Die analytische Sozialpsychologie, deren Grundlagen und Entwicklung in dieser Arbeit dargestellt werden soll, ist eine Kombination von Psychoanalyse und speziell marxistischer Soziologie, eine besondere Methode zum Verstehen der Welt. Wenn die geistigen Quellen Fromms genannt werden sollen, die zu dieser Kombination führten, dann müssen an erster Stelle - neben einem aufgeklärten Judentum - Sigmund Freud und Karl Marx angeführt werden. Mit dem Instrumentarium der Psychoanalyse und der marxistischen Gesellschaftstheorie wandte sich Fromm der psychologischen Analyse gesellschaftlicher Phänomene zu, was ihn unter anderem zum Begriff des "Gesellschafts-Charakters" führte. Er war der Meinung, daß ganze Gesellschaften bzw. Teile davon (Klassen, Schichten usw.) zusätzlich zu den individuellen Charakteren gemeinsame Charaktermerkmale haben. Bereits 1929 wirkte er an einer Erhebung zu Lebensgewohnheiten, Einstellungen und politischem Verhalten bei Arbeitern und Angestellten im Deutschen Reich mit, was zu den wertvollen Studien über "Autorität" als dem "Kitt" der modernen Gesellschaft überleitete. Wie kaum ein anderer Psychologe befaßte er sich mit politischen Problemen.

Funk betont, daß Fromms Denken mit großem Recht "ganzheitlich" genannt werden kann; zu den ersten Eindrücken einer Beschäftigung mit Fromm gehört, daß er seinen eigenen humanistischen Ansatz tatsächlich in all seinen Lebensbezügen mit Erfolg realisieren konnte (Funk 1983, S. 132). Funk hebt die "Kongruenz von Denken und Leben, von Geschriebenem und Gelebtem, von Überzeugungen und Charakter" bei Fromm hervor (ebd., S. 7). Es liegt deshalb nahe, in einem einleitenden biographischen Teil den charakteristischen Einflüssen, denen Fromm ausgesetzt war, nachzuspüren. In dem, was aus der Kindheit und Jugend als bleibende Erinnerung ins Erwachsenenleben hinübergerettet wurde, zeigt sich oft wie in einem Brennglas die Weltsicht des betreffenden Menschen, welche zum Verständnis seiner wissenschaftlichen Arbeit unentbehrlich ist. Auffällig ist, daß Fromm vergleichsweise wenig über sein Leben und seine Gedanken mitgeteilt hat. Zu den seltenen autobiographischen Texten gehören "einige persönliche Vorbemerkungen" in dem Buch Jenseits der Illusionen (Fromm 1962a, GA IX, 37-45), Erinnerungen, die er in den wenigen Interviews, die er gegen Ende seines Lebens gab, fast wörtlich wiederholte. Er hinterließ ein umfangreiches Werk von etwa fünfzehn Monographien und eine große Anzahl von Aufsätzen. Aber eine Briefsammlung, wie sie von anderen Geistesgrößen überliefert ist, öffnet sich dem Studenten der Psychologie nicht. Die äußeren Daten sind bekannt, aber seine inneren Wandlungen, Selbstgespräche und Entdeckungen liegen nicht zu Tage, was ganz besonders verwundert bei dem Vertreter einer Psychologie, die dem Innenleben höchste Priorität einräumt. Das Leben Fromms ist aus einem weiteren Grunde von Interesse: Er selbst stellt meines Erachtens jenen genitalen Charakter dar, der er in seinen Schriften als gesunden Menschen beschwört. Die Persönlichkeit Fromms zu studieren heißt, eine Antwort auf die Frage nach den Möglichkeiten der Ich-Stärkung und Selbstentwicklung zu erhalten, ein Punkt, den Fromm zu Lebzeiten fast gänzlich überging, und der erst durch die ab 1990 erfolgte Veröffentlichung des Fromm-Nachlasses in acht Bänden (Gesamtausgabe GA) aufgegriffen wird.

Um die Arbeit einzugrenzen, beschränke ich mich auf die Jahre 1900 bis 1941 und sie endet mit dem Erscheinen von Die Furcht vor der Freiheit. Was das wissenschaftliche Werk angeht, so hat Fromm im Zeitraum zwischen 1928 und 1939 eine Reihe kleinerer Abhandlungen veröffentlicht, in denen er die von ihm selbst so genannte Analytische Sozialpsychologie entwickelt. Die Ausarbeitung dieser Theorie fällt fast völlig in die Zeit der Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Institut für Sozialforschung (IfS), so daß dieser Phase ein eigenes Unterkapitel gewidmet ist, in welchem es auch um die Auseinandersetzung mit den maßgebenden IfS-Mitarbeitern Horkheimer und Adorno und den Gründen des Bruchs zwischen Fromm und dem IfS 1938 geht.

Obwohl eine religiös fundierte Anthropologie zu den Pfeilern des Frommschen Werkes gehört, können die philosophisch-anthropologisch-religiösen Reflexionen nur erwähnt werden, da sie den Umfang der Arbeit sonst sprengen würden. Zu diesem Punkt sei auf das umfangreiche Werk von Funk (1978) verwiesen. Trotzdem kann an beiden Themen nicht gänzlich vorbeigegangen werden, da sie wesentlich zur Beurteilung des Frommschen Gesamtwerkes sind. Es muß also kursorisch auf die Entwicklung des Frommschen Denkens nach 1941 eingegangen werden, wobei ein Blick auf seine religiöse Rückwendung geworfen wird, die sein Leben und Werk zum Schluß hin immer stärker beherrscht.

Es scheint zum besseren Verständnis der Analytischen Sozialpsychologie nötig, die Hauptquellen Fromms, nämlich Psychoanalyse und Marxismus, zumindest in ihren wesentlichsten Elementen vorzustellen. Dieses nicht ganz einfache Unterfangen versuche ich im 3. Kapitel. Es ist auch eine notwendige Vorarbeit, um erkennen zu können, wie weitgehend die Frommsche Revision der Psychoanalyse und des Marxschen Materialismus geht. Die Frage ist auch, ob das Zusammendenken von Psychoanalyse und Marxismus, wie es immer wieder versucht wurde, überhaupt gelingen kann.

In einem 4. Teil sollen anhand einzelner ausgewählter Aufsätze in chronologischer Reihenfolge die Entwicklung der Analytischen Sozialpsychologie nachgezeichnet und die Elemente derselben destilliert werden.

Im 5. Kapitel erfolgt eine Darstellung der Ergebnisse der Analytischen Sozialpsychologie, wiederum in chronologischer Reihenfolge. Sie sind für die weitere Entwicklung Fromms grundlegend.

Das 6. Kapitel rekapituliert die Rezeption der Analytischen Sozialpsychologie vornehmlich durch die Frankfurter Schule bzw. die Kritische Theorie, um zu erfahren, als wie fruchtbar sich die Theorie Fromms erweist. Die Arbeit schließt mit einer kritischen Bewertung der Analytischen Sozialpsychologie ab, wobei sich mir zusammenfassend diese Theorie Fromms als sehr positiv darstellt, da berechtigte Kritik an Fromm sich auf Werke bezieht, die erst nach 1941 erschienen. Fromm hatte die Religion, die orthodoxe Psychoanalyse und die Trennung von Psychoanalyse und Marxismus kritisiert. Es soll gefragt werden, ob diese Kritik noch zutrifft und ob seine alternative Sichtweise fruchtbar gemacht werden kann zur Erklärung und Bewertung von politischen Phänomenen sowie für die Psychotherapie.

Fromm vereinigte so unterschiedliche Gebiete wie Psychoanalyse, Soziologie, Marxismus, Anthropologie, Politikwissenschaft, Religion, Buddhismus und Geschichte unter einem Hut. Ein Rezipient wird kaum auf allen genannten Feldern kompetent sein können. Das gilt auch für diese Arbeit, die von der Psychologie, genauer gesagt Tiefenpsychologie her kommt und von dieser Warte aus Fromm betrachtet. Die Beschäftigung mit Fromm bietet dem Psychologiestudenten die günstige Gelegenheit, einen Zugang zu Freud und Marx zu finden, der durch die Formulierkunst Fromms einfacher ausfällt, als wenn man sich den beiden großen Denkern direkt nähert. Aus diesem Grund erwies sich das Erstellen dieser Diplomarbeit für den Autor als doppelt fruchtbar.

 

Priv.-Doz. Dr. Gerald Mackenthun

Dipl.-Politologe

Dipl.-Psychologe

Dr.phil.

Privat-Dozent für Klinische Psychologie

 

Email gerald.mackenthun@gmail.com

 

Büro 030/8103 5899

0171/ 624 7155

 

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© Gerald Mackenthun, Berlin, Februar 2011

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