Autor und Psychologe Gerald Mackenthun
Autor und Psychologe Gerald Mackenthun

Meine unabgedruckten Leserbriefe an den "Tagesspiegel" (Berlin)

Zu Ralf Schönball: Nirgends steigen die Mieten rasanter als in Berlin, 2. März 2019, S.1

Der Artikel von Ralf Schönball verschweigt erneut, dass sich der „rasante“ Mietpreisanstieg ausschließlich auf Neuvermietungen bezieht. Das bedeutet, dass die Bestandsmieten nur moderat steigen, in einem Umfang, der in etwa auf der Höhe der Inflation liegt. Über den Daumen gepeilt ziehen 10 % der Berliner pro Jahr um. Das bedeutet, dass sich die Mieten für 90 % der Mieter nicht oder nur leicht erhöhen. Die Lage sieht also deutlich besser aus, als Überschrift und Artikel suggerieren. Unterschwellig schwingt auch in diesem Artikel die Annahme mit, dass alle, die nach Berlin wollen, hier eine preiswerte Wohnung finden müssen. Ein Preisanstieg bei erhöhter Nachfrage ist ein rationaler marktwirtschaftlicher Mechanismus. Müssen wirklich alle unbedingt nach Berlin kommen? Muss der unrealistische Wunsch nach preiswerten Wohnungen wirklich vom Senat befriedigt werden? Und wenn ja, was bedeutet das bei einem notorisch langsamen Ausbau der Infrastruktur?

Zu: Die Akte Fabien, 26. Februar 2019, S. 2 und 3

Haben Sie herzlichen Dank für die ausführliche Recherche zu dem Tod der jungen Frau bei einem Verkehrsunfall mit einem Polizeifahrzeug. Nach meinem Eindruck hat der Artikel allerdings eine deutliche Schlagseite zu Ungunsten des Polizisten und der Berliner Polizei insgesamt. Wenn ich es recht verstehe, ist die junge Frau von der rechten Spur aus über drei Fahrspuren im 90-Grad-Winkel auf den Mittelstreifen gefahren, wo sie einen freien Parkplatz erspäht hatte. Dabei übersah sie offenbar den mit hoher Geschwindigkeit herannahenden Polizeiwagen. Das stellt ein eklatantes Fehlverhalten der jungen Autofahrerin dar. Bei einem Spurwechsel ist darauf zu achten, dass der Autoverkehr auf den übrigen Fahrstreifen nicht gefährdet wird. Es sieht so aus, dass die Fahrerin eine Mitschuld an dem Unfall trägt. Doch ein Fehlverhalten der tödlich verletzten Fahrerin wird in Ihrem Artikel nicht einmal angedeutet. Ist es ein tragischer Zufall, dass Fabien Martini einem mit hoher Geschwindigkeit herannahenden Polizeiwagen quer vor den Kühler fuhr? Bei einem Unfallgegner mit niedrigerer Geschwindigkeit wäre sie wahrscheinlich nicht tödlich verletzt worden. Hätte sie aber den Verkehr auf den übrigen drei Fahrspuren ausreichend beachtet, wäre es wohl nicht zu dem Unfall gekommen.

Zu Ariane Bemmer: "Kranke Gesellschaft", 2. Januar 2019

Mit einer angeblichen Zunahme psychischer Erkrankungen wird in Deutschland, und offenbar nur hier, eine weitere Baustelle aufgemacht. Stets aufs Neue wird der Druck der modernen Arbeitswelt verantwortlich gemacht. Vor allem die Krankenkassen melden seit Mitte der Neunzigerjahre in ihren Gesundheitsberichten stetig steigende Fallzahlen. Immer mehr psychisch Kranke gebe es in Unternehmen und Gesellschaft, so heißt es, die Folge seien Millionen Arbeitsausfalltage. Der vorherrschende Eindruck ist klar. Nur: Stimmt er?

 

Alle großen internationalen Studien, in denen psychische Störungen methodisch solide über längere Zeit erfasst wurden, widersprechen der Annahme, dass es in den letzten Jahrzehnten eine bedeutsame Zunahme gab. Bei solchen Studien zeigen sich immer mal wieder leichte Ausschläge nach oben oder unten. Ein Hauptfehler besteht darin, dass die Meldungen aus den Praxen eins zu eins übernommen werden. Die Zahlen der Kassen existieren, es kommt aber auf die Interpretation der Daten an.

 

Aufklärungskampagnen haben in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass immer mehr Ärzte etwa eine Depression auch erkennen und dass Patienten schneller Hilfe beim Facharzt oder Psychologen suchen. Auch haben psychische Störungen viel von ihrem früheren Stigma verloren. Wenn immer mehr derartige Störungen diagnostiziert werden, spricht das für ein Gesundheitssystem, das aufmerksam ist und genügend Behandlungskapazität bereit stellt. Eine Zunahme der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen ist kein Beweis für die Zunahme psychischer Erkrankungen.

 

Gerade Depression und Burnout sind Störungen, in denen genetische und epigenetische Einflüsse, innere individuelle Erfahrungsverarbeitungen und mehrere äußere Faktoren unentwirrbar zusammenwirken. Eine breitere Berichterstattung über Depression und Burnout erhöhen die Sensibilität für das Thema und trägt mit bei zu einer anwachsenden Inzidenz. Studien der Deutschen Rentenversicherung über psychische Erkrankungen, Entwicklungen und Auswirkungen zeigen allerdings, dass kaum Indikatoren vorliegen, die für eine Zunahme dieser Störungen sprechen.

 

Ein Vergleich mit früher ist aus statistischen Gründen ohnehin schwierig. Das liegt vor allem auf der schlechten Vergleichbarkeit früherer und heutiger Untersuchungen, da sich sowohl die diagnostische Klassifikation als auch die Erhebungsinstrumente über Jahrzehnte verändert haben.

 

Nach wie vor ist wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt, ob es eine Zunahme psychischer Erkrankungen gibt. Sicher ist nur, dass die Behandlungszahlen ansteigen, was wiederum bedeutet, dass es genug Behandler gibt. Wenn in Deutschland die Selbstmordrate seit den 80er Jahren gesunken ist, wobei die allgemeine Lebenszufriedenheit stabil auf hohem Niveau ist, dann sollten wir nicht, ohne auf belastbare Informationen zurückzugreifen, von einer Zunahme psychischer Störungen sprechen.

 

Dipl.-Psych. Gerald Mackenthun

Zu Harald Martenstein "Die Politiker kennen uns kaum", 18. Dezember 2018

Zu den beliebtesten Mythen aus dem politischen Raum gehört die Annahme, "die Politiker haben den Kontakt zur Bevölkerung längst verloren". Harald Martenstein griff dieses Vorurteil am 16. Dezember 2018 wieder einmal auf. Ich möchte das Gegenteil behaupten: Wie kaum eine andere (Berufs-)Gruppe haben Politiker vielfältigste Kontakte zu allen Schichten der Bevölkerung. Das müssen sie allein schon deswegen haben, weil sie wiedergewählt werden müssen. Ist es gerecht, alle die vielen Politiker Deutschlands, einschließlich die aus den Landtagen, Kreistagen und Gemeinderäten, die oftmals ohne Diäten arbeiten, mangelnden Kontakt zu den Bürgern vorzuwerfen?

 

Und wäre es nicht ebenso richtig, umgekehrt den Bürgern mangelnden Kontakt zu "den Politikern" zu attestieren? Wer kennt denn schon seinen Abgeordnetenhaus- oder Bundestagsvertreter? Wer hat je dessen Sprechstunde besucht, wer je eine Parlamentssitzung beobachtet, wer hat jemals Ausschussitzungen beigewohnt? Ist das mangelnde Interesse der Bevölkerung an ihren Politikern nicht ein viel größeres Problem?

 

Die Demokratie erfordert es, dass jeder Bürger zur politischen Tüchtigkeit erzogen wird. Schon Aristoteles forderte in seinem dritten Buch der "Politik", der gute Bürger müsse sowohl gut zu regieren verstehen als auch gut regiert werden können. Der gute Bürger müsse das Regieren in beide Richtungen können: verantwortlich Entscheidungen treffen und diese Entscheidungen verständig mittragen. Politische Teilhabe ist nicht nur Privileg und Vorteil, sondern ebenso eine schwere Bürde. 

 

Doch der Mensch zieht in der Regel das private Leben dem politischen vor. Es bedurfte immer eines Aufraffens, einer besonderen Anstrengung und Willensentscheidung, sich in öffentliche Angelegenheiten einzumischen. Für diese Anstrengung "die Politiker" zu schelten, ist unsachlich.

Zu Deniz Utlu: "Die pensionierte Umweltökonomin", 8. Dezember 2018

In Umfragen sprechen sich Befragte regelmäßig zu 80 % für Umweltschutz aus, und ebenso regelmäßig sagen nur 20 %, dass sie bereit wären, konkrete Maßnahmen zu ergreifen und dafür Geld auszugeben. Die interessante Frage ist doch, warum so wenige auf die Alarmrufe der Umweltschützer und Klimaforschern reagieren. Ich sehe dafür mehrere Gründe.

 

Zum einen ist der Klimawandel in Deutschland nicht evident. Ein heißer Sommer in Deutschland macht noch keine globale Klimaerwärmung. Im vergangenen Sommer war ich auf Urlaub in Italien, wo es ungewöhnlich viel geregnet hat. Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen? Ein zweiter Grund scheint mir darin zu liegen, dass Umweltschützern nie sagen, was wirklich auf die heute Lebenden zukommt, wenn im Jahre 2050 das Wirtschaften in einer Industrienation wie Deutschland „klimaneutral“ (was immer das heißen mag) organisiert sein soll.

 

Es bedeutet meines Erachtens, den Konsum und damit den Energieverbrauch um rund 50 % zu senken und keine Kinder mehr in die Welt zu setzen. Ein klimaverträgliches Leben ist ein Leben in relativer Armut und ohne Kinder. Ohne einen steten Zuwachs der Bevölkerung droht allerdings ein Zusammenbruch unseres Sozialsystems. Wir brauchen also eine konstante Geburtenrate und einen konstanten Zuzug von Migranten, um unser üppiges Sozialsystem am Leben zu erhalten, zugleich bedarf es eines reduzierten Konsums und einer reduzierten Bevölkerung, um die Klimaziele zu erreichen. Dieser Zielkonflikt ist im Augenblick und vielleicht prinzipiell nicht lösbar.

 

Das scheint mir einen Teil der Skepsis gegenüber den Warnungen vor einer Klimaerwärmung zu erklären. Selbst wenn die Welt kurz vor dem Untergang steht, was zu bezweifeln ist, so sind die einen nicht bereit, Konsum und Komfort spürbar herrunter zu schrauben, und die anderen wissen verwirrt nicht, was sie tun sollen und was von ihnen verlangt wird. Energiesparlampen sind doch nur Kosmetik. Klimawarner und Klimaleugner sind nur die extremen Enden eines weiteren Spektrums von Haltungen zur Klimafrage. Dazwischen leben jene, die sich nicht für das Thema interessieren, und jene, die wegen der Kompliziertheit der Materie sich lieber eines Urteils enthalten.

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© Gerald Mackenthun, Berlin, Februar 2011

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